NÜRTINGEN (hfwu). Lehre an der Hochschule, Tätigkeit in der Praxis und das Verfassen einer Doktorarbeit – das sieht die Tandem-Professur im so genannten Promotionstrack vor. Die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) ist bundesweit die erste und aktuell einzige Hochschule, die im Rahmen dieses Models bei der mitunter schwierigen Besetzung von Professuren diesen neuen Weg geht. Gleich sechs Tandemprofessuren sind an der HfWU aktuell am Start. Die Inhaberinnen stellten jetzt bei einer Kick-off- und Vernetzungs-Veranstaltung ihre Forschungsprojekte vor.
Der Alltag einer Tandem-Professorin ist spannend und anspruchsvoll. Das zeigte auch die Kick-off-Veranstaltung an der HfWU, bei der die aktuell sechs Tandem-Professorinnen im Promotionstrack ihre Forschungsvorhaben und sich selbst vorstellten. Aber was ist eine Tandem-Professur überhaupt?
Die Tandem-Professur ist eine Nachwuchsprofessur an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) – ähnlich wie die Juniorprofessur an einer Universität. Hier wird sie im Nebenamt und parallel zu einer hauptberuflichen Praxistätigkeit ausgeübt. Der Grundgedanke ist, Personen zu berufen, denen noch eine Einstellungsvoraussetzung für eine HAW-Professur im Hauptamt fehlt. Dies sind neben einem Hochschulabschluss auf Masterniveau auch Berufserfahrung, Lehrerfahrung und die wissenschaftliche Qualifikation, sprich: die Promotion. Während der Laufzeit der Tandem-Professur wird die fehlende Einstellungsvoraussetzung parallel nachgeholt. Erst dann ist der Weg zur Professur in Vollzeit an einer HAW offen, man ist „professorabel“. Das heißt nicht, dass das Modell eine Professur zweiter Klasse ist, ganz im Gegenteil: Alle sechs HfWU-Tandem-Professorinnen haben zum Kick-off ihre Forschungsvorhaben vorgestellt und standen Rede und Antwort zu den ersten Erfahrungen zu Workloads und zur Professur selbst. Dies zeigt: das Modell läuft gut an.
Professorin Andrea Spielvogel befasst sich in ihrer Promotion mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Unternehmenspraxis. Ihre Doktorarbeit trägt den Titel „Virtual Chief Compliance Officer: Ein Framework zur Schließung regulatorischer Lücken in der Human-AI-Colloboration“. Vor der neuen Herausforderung einer akademischen Karriere war sie langjährig im Topmanagement verschiedener Unternehmen tätig. „Mit der Tandemprofessur bekommen die Studierenden die Möglichkeit, von Menschen aus der Wirtschaft zu lernen“, sagt Spielvogel, „weg vom theoretischen akademischen Lernen hin zur aktuellen praxisnahen Anwendung“. Den Praxis-Anteil der Tandem-Professur absolviert sie im Unternehmen Spielvogel.AI GmbH, einem Dienstleister für Beratung im Bereich Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, der von ihrem Sohn geführt wird.
Um die Verwaltung im öffentlichen Sektor geht es beim Promotionsvorhaben von Professorin Caroline Raps. Konkret untersucht die Professorin für Organisationsentwicklung und Organisationspsychologie „Die Rolle des Growth Mindset bei der Ermöglichung organisatorischer Transformation im öffentlichen Sektor“, so der Titel ihrer Doktorarbeit. Als Forscherin interessieren sie generell Lern- und Entwicklungsprozesse. „Veränderung beginnt dort, wo wir uns selbst ehrlich begegnen und in Momenten, in denen Gespräche Tiefe bekommen und Menschen sich trauen, echt zu sein“, ist Raps überzeugt. Neben der Lehre an der HfWU und der Arbeit an der Promotion deckt die Tätigkeit am Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart den Praxisanteil ab.
Professorin Simone Bergande war im Personal-Bereich von verschiedenen Unternehmen tätig, bevor sie an der HfWU die Tandem-Professur für „Leadership und Coaching“ antrat. Ihre Forschungsarbeit befasst sich mit der Führungskräfteentwicklung im Pflegekontext. „Wirkt sich ein Training, das auf den Führungsstilen Mitarbeiterorientierung und Aufgabenorientierung aufbaut, positiv auf die Zufriedenheit der Mitarbeitenden sowie auf Fehlzeiten und Fluktuation aus, ist die Fragestellung ihrer Promotion. Ihr Tandem-Partner aus der Praxis ist compassio Gruppe B.V.& Co.KG, ein bundesweit tätiger Pflegedienstleister.
Als Tandem-Professorin für Gesundheitspsychologie lehrt Professorin Katharina Hums seit dem vergangenen Sommersemester an der HfWU. Im Rahmen der beruflichen Praxistätigkeit arbeitet Hums bei der Salo und Partner GmbH in Ulm im Bereich der beruflichen Reha für psychisch kranke Menschen. Sie stellte im Rahmen der Kick-off-Veranstaltung den Stand ihrer Promotion zum „Einfluss und Stärkung von Ressourcen bei Studierenden“ vor.
Die Theatertherapeutin Professorin Katrin Röhlig untersucht, wie Theatertherapie in der Nachsorge von Krebspatientinnen wirkt. Ihr Forschungsprojekt untersucht Wohlbefinden und Resilienz in der onkologischen Versorgung bei Brustkrebspatientinnen. „Mich interessiert im Besonderen, wie künstlerische Therapien stärker in Forschung und Versorgung integriert werden können“, sagt Röhlig. Sie hat mehrjährige Berufserfahrung im klinischen Kontext mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sowie im künstlerisch-pädagogischen Feld. Im Rahmen der Tandem-Professur ist sie am Klinikum Christophsbad GmbH in Göppingen tätig.
Aus dem künstlerisch-therapeutischen Kontext kommt auch Professorin Aylien Yanik. Im Rahmen einer Tandemprofessur für Theater- und Dramatherapie promoviert sie unter dem Titel „Kraft der Ermutigung“ über die „verkörperte Sicherheit durch polyvagal-informierte Dramatherapie“. Im Fokus steht dabei Depression als „psychologischer Shutdown“. Aus der Sichtweise der Polyvagal-Theorie untersucht sie die These, dass bei einer depressiven Erstarrung und sozialer Isolation allein kognitive Einsichten für eine Besserung nicht ausreichen. „Sicherheit muss im Körper verankert werden“, so der zentrale Punkt der Forscherin. Ihr Praxis-Partner ist die LVR-Klinik Bedburg-Hau, eine der größten Kliniken in Nordrhein-Westfalen für psychisch und neurologisch erkrankte Menschen.
Soweit die Themenspanne der Promotionsvorhaben der sechs Tandem-Professorinnen an der HfWU reicht – in einem waren sich die Wissenschaftlerinnen bei der Kick-off-Veranstaltung einig: Dreigleisig unterwegs zu sein mit Praxisjob, Professur und Doktorarbeit ist zeitlich und organisatorisch enorm aufwändig. Durch den Kick-0ff zeigte sich auch, dass die Hochschule von den neuen, frischen Ideen und den hoch aktuellen Forschungsthemen profitieren kann. Nicht nur in der Lehre, sondern auch im Bereich der hochschulstrategischen und -organisationalen Entwicklung. Tandem-Professuren sind Impulsgeber!
An der HfWU wird die Umsetzung der Tandem-Professuren vom Projekt Gewinnung, Bindung und Entwicklung professoralen Personals (GeBindE) begleitet und unterstützt. Das Projekt wird im Rahmen der Bund-Länderförderung FH-Personal des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) in der Förderlinie FH-Personal in einer sechsjährigen Laufzeit gefördert.
An der HfWU, wie auch bundesweit, steht das Tandem-Professur-Format aufgrund der Neuartigkeit stetig auf dem Prüfstand. Professor Dr. Dirk Stendel, Prorektor für den Bereich Studium und Lehre, ermutigte die Tandem-Professorinnen wie die Vertreterinnen und Vertreter aus den Unternehmen ausdrücklich zur Rückmeldung aus der laufenden Praxis, um das anspruchsvolle Vorreiterprojekt weiter verbessern zu können.