Aus Druck kann neue Leistungsfähigkeit werden

Veröffentlicht am |
Person stehend auf einer Bühne

IfA-Chef Prof. Dr. Stefan Reindl begrüßte die Kongressteilnehmer und benannte die zentralen aktuellen Herausforderungen der Branche. (Foto: HfWUrenner).

Zwei Männer auf der Bühne sitzend im Gespräch

Stefan Reindl im Austausch mit Christoph Hartung, Mitglied des Bereichsvorstands von Bosch Mobility (Foto: HfWUrenner)

Gipfeltreffen an der Hochschule nimmt aktuelle Standortbestimmung der Automobilbranche vor

NÜRTINGEN/GEISLINGEN (hfwu). Die Automobilwirtschaft steht unter vielfältigem Druck. Nur zu reagieren reiche nicht aus, die Branche müsse zu einer neuen Leistungsfähigkeit finden. Dabei spielt das Miteinander der Unternehmen und nicht nur der Wettbewerb, auch auf europäischer Ebene, eine wichtige Rolle. Diese Forderungen waren zu hören beim Branchengipfel des Instituts für Automobilwirtschaft (IfA) an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) in Nürtingen.

Die Automobilwirtschaft sieht sich nach wie vor fundamentalen Herausforderungen gegenüber. Gefordert seien wettbewerbsfähige Kosten, weniger Komplexität und eine neue Leistungsfähigkeit, so der IfA-Chef HfWU-Professor Dr. Stefan Reindl. Dieser Anspruch betreffe sämtliche Stufen der automobilen Wertschöpfung: Zulieferer, Fahrzeughersteller und Automobilhandel. Und auch die Regionen rund um Produktionsstandorte bräuchten eine Perspektiven für Beschäftigung und Infrastruktur. Entscheidend sei nun, aus dem Anpassungsdruck wirtschaftliche Leistungsfähigkeit entstehen zu lassen. Es reiche deshalb nicht, auf Veränderungen nur zu reagieren. „Turning Pressure into Performance“ war vor diesem Hintergrund das Motto des vom IfA-Institut organisierten diesjährigen Branchengipfels. Bei den Zahlen zu den Neuzulassungen sieht der Automobilwirtschaftsexperte bereits einen positiven Trend. Nach 2,8 Millionen im vergangenen Jahr prognostiziert Reindl für dieses rund drei Millionen.

Den Auftakt der Konferenz in Nürtingen machte eine Grußwort via Video von Ministerpräsident Cem Özdemir. Er kündigte vor dem Hintergrund der Umbruchsituation in der Branche ein „grundlegendes Update des Strategiedialogs Automobilwirtschaft Baden-Württemberg" an. Mit der Initiative will die Landesregierung über Branchengrenzen hinweg mit allen Beteiligten den Transformationsprozess im Land gestalten.

Zu den Hauptredner gehörte Christoph Hartung, Mitglied des Bereichsvorstands von Bosch Mobility. „Wir müssen 30 Prozent der Kosten senken, um wettbewerbsfähig zu bleiben“, so der Manager. Er sieht mit den heutigen von der Software definierten Fahrzeuge eine neue Phase in der Automobilproduktion. Nur die sich rasant entwickelnden Möglichkeiten durch Künstliche Intelligenz stellten eine noch größere Herausforderung dar. „Die Kosten müssen runter, die Zahl der Features, die ein Auto bietet, müssen hoch“, laute die Devise der Zukunft, sagte Hartung. Zudem würden künftig Autos Teil von größeren „Mobilitätsökosystemen". In diesen, mit ganz unterschiedlichen Mitspielern, werde es immer wichtiger horizontal, kooperativ zu denken und nicht wie traditionell vornehmlich vertikal, hierarchisch im Rahmen des eigenen Unternehmens und der eigenen Wertschöpfungsketten. Dieser kompetitive und zugleich kooperative Ansatz gelte auch für die europäische Ebene. Bei allen Herausforderungen gab er den krisengeschüttelten Teilnehmern des Branchengipfels aber auch einen positiven Ausblick mit auf den Weg. In seiner Wahrnehmung gäbe es gerade unter den Entscheidungsträgern einen großen Veränderungswillen und eine große Willenskraft, die vielfältigen Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen und die Branche in eine tragfähige Zukunft zu bringen.

Arnd Franz, Chef des Automobilzulierferers Mahle, forderte mehr Tempo und mehr Effizienz als zentrale Faktoren für die Wettbewerbsfähigkeit. Hohe Energie- und Lohnkosten, eine hohe Steuerlast sowie ein wenig flexibler Arbeitsmarkt stünden dem gerade am Standort Deutschland entgegen. „Die Unternehmen machen ihre Hausaufgaben“, so Franz, „noch führen wir aber im Wesentlichen nur Rückwärtsgefechte, um den aktuellen Stand zu halten.“ An die Adresse der Politik ging daher seine Forderung nach weitreichenden Reformen der Rahmenbedingungen. Nur so seien wirkliche Schritte nach vorn möglich.

Beim IfA-Branchengipfel kamen an zwei Tagen rund 600 Führungskräfte aus Automobilindustrie, Handel, Branchendienstleistung, Politik und Wissenschaft in Nürtingen zusammen. Der Kongress an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) gilt als wichtigste Veranstaltung im Jahr zur Ortsbestimmung der Branche.